Singen verboten – Summen erlaubt

34 Besucher haben sich für den Gottesdienst in der Christuskirche angemeldet.Das Tragen der Masken und das Einhalten der Sicherheitsabstände wurde von ihnen ebenso in Kauf genommen, wie der Verzicht auf das Mitsingen während des Gottesdienstes. FOTOS: FRANK LAUDIEN

Der erste Gottesdienst nach dem Corona-Lockdown hat seine eigenen Regeln

Seit 40 Jahren steht der Ge- meindepädagoge Reiner Freudenreich (rechts) be- reits im kirchlichen Dienst. Gemeindepfarrer Rainer Gremmels überreichte ihm dafür während des Gottes- dienstes einen Strauß Blu- men – natürlich mit dem gebotenen Sicherheits- abstand.

VON FRANK LAUDIEN
Lüdenscheid – „Diese Maßnahmen sind notwendig und unumgänglich, wenn auch nicht erfreulich“, fasst Rainer Gremmels, Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde und PresbyteriumVorsitzender, die Auflagen zu-
sammen, unter denen seit gestern wieder Gottesdienste stattfinden dürfen.
Maximal 92 Gläubige durften am Sonntag, dank strenger Vorschriften und Sicherheitsabständen, die Christuskir-
che betreten.
Wer sich nicht vorher telefonisch im Gemeindebüro mit Name, Rufnummer und Adresse angemeldet hat, darf das Gotteshaus nicht betreten. „Wir müssen die Infektionsketten notfalls nachvollziehen können“, erklärt der Pfarrer
die Notwendigkeit der Maßnahmen.
Auch auf das Aushändigen der Gesangbücher wird nun verzichtet. Die Liedtexte werden stattdessen auf losen Zet-
teln angeboten, die nach dem Gottesdienst vernichtet werden. Zum Mitsingen sind diese allerdings nicht gedacht.
Das ist nicht erlaubt. Gremmels: „Beim Mitsingen werden viele Aerosole verstreut. Daher sind diese Maßnahmen leider notwendig.“ So hörte man am Sonntag nur gelegentliches Mitsummen der Besucher, als Organist Wolfgang Kimpel die Lieder anstimmte.
Auch das Tragen von Atemschutzmasken und Desinfizieren der Hände beim Betreten der Kirche seien unumgäng-
lich.
Zu Beginn des Gottesdienstes richtete Rainer Gremmels noch einmal einige erklärende Worte an die 34 anwesen-
den Besucher. Neben den Singverboten, Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen wurde auch um den nötigen Freiraum beim Verlassen der Kirche und den Verzicht auf Gesprächsgruppen auf dem Parkplatz gebeten.
Sein Mikrofon übergab er anschließend nicht an den Gemeindepädagogen Reiner Freudenreich. Der Leiter des Gottesdienstes erhielt aus hygi-
enischen Gründen sein eigenes.
Statt des Mikrofons wurde ihm aber ein Strauß Blumen für sein 40-jähriges Kirchendienst-Jubiläum überreicht. Ein recht sportlicher Akt, denn auch dabei musste der Sicherheitsabstand eingehalten werden.
Natürlich wurde auf die ungewöhnliche Situation auch in der Predigt eingegangen. „Wir können lernen, mit Gottes Hilfe unsere Prioritäten neu
zu setzen für die Zeit nach Corona“, regte Freudenreich zum Nachdenken an. Auch in der Fürbitte wurde für alle gebetet, die von dem Virus betroffen sind und dafür, „dass nach Corona vieles zu einer neuen Normalität kommen kann“.
Die Gottesdienst-Besucher hatten größtenteils Verständnis für die Maßnahmen. Die Freude, endlich wieder dem sonntäglichen Glockengeläut folgen zu können, überwog. „Mit der Maske ist das natürlich nicht so schön, aber ich freue mich, dass ich wieder in die Kirche gehen kann“, sagt Christel Löber. Dr. Margarete Albert ist ein „Stammgast“ in der Christuskirche. Sie kann sich noch an andere Krisensituationen erinnern: „Ich werde 93 Jahre alt und habe schon viel mitgemacht. Ich kann mich noch an Situationen aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Damals war der Zusammenhalt größer.
Man bemerkt heute die Ellenbogenstruktur bei den Menschen. Jeder denkt nur an sich, wie bei den Hamsterkäufen.“ Sie ist froh, wieder in die Kirche zu dürfen, denn „der Gottesdienst gibt mir viel Kraft für die Woche“.
Während die vielen Maßnahmen in der Kirche recht gewöhnungsbedürftig sind, führen sie gerade bei besonderen Anlässen, wie Beerdigungen, Taufen oder Trauungen zu schwierigen Situationen.
„Ich hatte am Freitag erst eine Beerdigung“, erklärt Freudenreich. „Das darf jetzt wieder in der Kapelle stattfinden. Natürlich gibt es auch dort Vorsichtsmaßnahmen, und es darf nur eine begrenzte Anzahl an Besuchern anwesend sein.“ Das ist für die Betroffenen schon hilfreich, denn
„in den letzten Wochen durfte das nur draußen stattfinden und nur mit Verwandten ersten Grades. Natürlich machte es die Leute traurig, die dann nicht dabei sein konnten“.
Während Beerdigungen nicht verschoben werden können, finden Trauungen und Taufen derzeit so gut wie gar nicht statt. „Es ist natürlich schlecht vorstellbar, eine Trauung zu vollziehen, bei der die Leute auf Abstand sitzen und Masken aufhaben“, weiß Rainer Gremmels.
Noch skurriler ist die Situation bei Taufen: „Wir haben die Auflage, Gummihandschuhe und Mundschutz zu tragen. Man darf den Täufling nicht direkt berühren und muss das Wasser mit einer Kanne über den Kopf gießen.“ Unter diesen Voraussetzungen möchten wohl nur die allerwe-
nigsten ihr Kind taufen lassen, weshalb derzeit auch niemand eine Taufe in der Kirchengemeinde angemeldet hat.

Mit freundlicher Genehmigung der Lüdenscheider Nachrichten