Die Zukunft liegt hinter uns, die Vergangenheit vor uns… Was sich zunächst wie ein Schreibfehler liest, offenbart sich beim genaueren Hinsehen als Weisheit, die uns einlädt neu nachzudenken.
Natürlich liegt die Vergangenheit zeitlich gesehen hinter uns. Aber sie ist das einzige, was vor unseren Augen ist. Wir können anschauen, was wir erlebt haben – mit Menschen und mit Gott. Die Psalmen laden uns ein, die Vergangenheit zu betrachten. Sätze wie: „Lobe den Herrn meine Seele und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2) ermutigen uns, unseren Blick auf das Handeln Gottes in unserem bisherigen Leben zu richten. Im Gegensatz zur Zukunft haben wir die Vergangenheit tatsächlich vor Augen. Und normalerweise ist das, was einem vor Augen ist, auch vor einem. Was hinter einem ist, können wir nicht sehen. Dort können wir nur mutmaßen, hoffen oder befürchten. Die Vergangenheit liegt vor uns wie ein offenes Buch, aus dem wir lernen und unsere Gegenwart verstehen können. Die Zukunft liegt außerhalb unseres Blickes, quasi in unserem Rücken – hinter uns. Es scheint, als würden wir Menschen rückwärts in die Zukunft gehen müssen. Nicht voraussehend, was zeitlich vor uns liegt, sondern auf das blickend, was wir bisher gelebt haben.
Was kommt, – und das hat uns Corona eindrücklich vor Augen geführt – können wir in keiner Weise absehen. Alle menschlichen Planungen, Prognosen und Prophezeiungen sind ungewiss.
Gewiss und vor Augen ist, was Gott bisher in unserem Leben getan hat. Der Psalmbeter nimmt Gottes früheres Heilshandeln in den Blick und kann bekennen: „Der Herr ist meine Stärke und mein Schild.“ (Ps 28,7)
In dieser frohen Gewissheit kann er in die hinter ihm liegende Zukunft gehen: In dem Wissen, dass der mich gehalten hat, wenn ich gefallen bin, es auch in Zukunft tun wird. In diesem Sinne ein fröhliches Rückwärts- Vorwärtsgehen.

Sebastian Schultz,Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Christuskirche