Märkischer Kreis – Die im vergangenen Jahr bekannt gewordenen Fälle von sexuellem Missbrauch in der Evangelischen Kirchengemeinde Brügge/Lösenbach sowie beim CVJM haben für Erschütterung im gesamten Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg und auch in der Landeskirche gesorgt. Der „Schutz vor sexualisierter Gewalt“ war am Samstag das Schwerpunktthema bei der Kreissynode des Kirchenkreises. Ausgangspunkt dafür war entsprechendes Kirchengesetz der Landeskirche, das die Landessynode im November verabschiedet hat und das im März in Kraft getreten ist.

Bei der Synode, die pandemiebedingt digital stattfand, hoben sowohl Superintendent Dr. Christof Grote als auch in einem Grußwort Andreas Neuser, Dechant des katholischen Dekanates Süd-
sauerland im Kreis Olpe, die Bedeutung des Themas gerade für die Kirchen in Deutschland hervor.

Regina Bahlo, Presbyterin der Lüdenscheider Versöhnungskirchengemeinde, die als stellvertretende Synodalälteste, die Synode mit vorbereitet hatte, sagte: „Wir wollen und werden alles dafür tun, dass im kirchlichen Raum allen Schutz gewährt wird.“

Große Zustimmung signalisierten die Synodalen, indem sie mit großer Mehrheit von 96 Prozent im Vorgriff auf die Finanzsynode im November dafür votierten, die für den 1. Juli neu geschaffene Stelle einer Präventionsfachkraft zunächst für dieses und das nächste Jahr aus den Kirchensteuermehreinnahmen aus dem Jahr 2020 zu finanzieren. Zur Hälfte wird der durch das neue Kirchengesetz vorgegebene Personalaufwand von der Landeskirche finanziert. „Ich bin überzeugt, das ist gut angelegtes Geld“, sagte Grote.

Über das Gesetz selbst und die dazugehörigen Ausführungsbestimmungen informierte Kirchenrätin Daniela Fricke, die als hauptamtliche Beauftragte für den Umgang mit Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung der Landeskirche bei der Aufarbeitung der Fälle in Lüdenscheid involviert und Ansprechpartnerin für die Opfer ist. Zentrale Punkte des Gesetzes sind Schutzkonzepte, die jede Gemeinde erarbeiten muss, sowie Schulungen von Mitarbeitern, sowohl zur Prävention als auch zum Umgang mit Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch.

Rendel Simon, Leiterin der Psychologischen Beratungsstelle Lessingstraße in Lüdenscheid und als Multiplikatorin bei der Umsetzung im Kirchenkreis involviert, erläuterte, was auf die Gemeinden und ihre Mitarbeiter zukommt. Insgesamt werden im Kirchenkreis rund 1000 Personen – sowohl Haupt- als auch Ehrenamtliche – geschult werden müssen. Der Umfang variiert je nach Tätigkeit und Zuständigkeit. Unterschieden wird zudem zwischen Schulungen zur Risikoanalyse und zur Entwicklung eines Schutzkonzeptes.

Insgesamt vorgesehen sind zum Beispiel für Presbyter und Pfarrer, die die Leitungsfunktion in den Gemeinden haben, 21 beziehungsweise 17 Stunden. Für Hauptamtliche mit pädagogischem Bezug sind 25 Stunden und noch einmal 14 Stunden zusätzlich vorgesehen, wenn sie eine Leitungsfunktion haben. Auch Haupt- und Ehrenamtliche ohne pädagogischen Bezug müssen an Schulungen teilnehmen, mit einem Gesamtumfang von acht Stunden. – Ziele der Schulungen ist nicht nur ein verbesserter Schutz vor allem von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt. Darüber hinaus sollen Mitarbeiter Handlungssicherheit im Umgang mit Verdachtsfällen bekommen. Grundsätzlich geht es auch darum, die Sensibilität für das Thema sexuelle Gewalt zu stärken und ein Klima zu schaffen, in dem Grenzverletzungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung angesprochen werden können, erläuterte Simon.

Für die Entwicklung von Schutzkonzepten müssen die Gemeinden bis zum 30. Juni 2022 einen Zeitplan vorlegen. Verabschiedet werden müssen diese dann bis zum 31. März 2024.

Bettina Görlitzer