„Die Zeit hat etwas mit den Menschen gemacht“ Pfarrer Sebastian Schultz über Seelsorge

Pfarrer Sebastian Schultz über Seelsorge in schwierigen Zeiten und eine Kirche auf dem digitalen Weg

Zur Person:
Sebastian Schultz Sebastian Schultz ist 46 Jahre alt.
Seit 15 Jahren lebt er in Lüdenscheid.
Aufgewachsen in Soest, studierte Schultz in Münster
und Tübingen Theologie, absolvierte sein Vikariat
anschließend in Soest. Es folgte der Entsendungsdienst
an der Christuskirche in Lüdenscheid. Vor zehneinhalb
Jahren dann wurde Sebastian Schultz auf die Pfarrstelle
in der Markuskirche gewählt.
Der Bördestädter lebt mit seiner Frau und seinen zwei
Kindern in Lüdenscheid und fühlt sich sehr wohl in der
neuen Heimat. „Ich bin sehr glücklich hier, habe mit Pfar-
rer Gremmels einen supertollen Kollegen“, sagt Schultz,
" das ist eine tolle Zusammenarbeit.
Wir haben in unserer Gemeinde zwar diese beiden Kirchen
mit unterschiedlichen Schwerpunkten, aber mit einer Rich-
tung, einer Idee...“ TM

Lüdenscheid – Seelsorge in Zeiten der Corona-Pandemie, Gemeinschaft im Glauben trotz aller Distanzgebote, der Aufbruch der Kirche in eine digitale Zukunft, weil der analoge Gottesdienst nicht stattfinden durfte. Auch die Kirche hat sich in den vergangenen Monaten mancher Heraus-
forderung stellen müssen. Im Gespräch mit Redakteur Thomas Machatzke blickt Sebastian Schultz zurück auf schwierige Monate, zieht aus dieser Zeit allerdings auch viel Positives, Aufbauendes. Schultz ist Pfarrer der evangelischen Christuskirchengemeinde in der Markuskirche am Breiten-
feld.
Pfarrer Schultz, die vergangenen vier Monate mit all ihren Einschränkungen dürften auch für Pfarrer und Seelsorger eine besonders arbeitsintensive, alles andere als gewöhliche Zeit gewesen sein. Haben Sie es tatsächlich so empfunden oder ist diese Annahme falsch?
Am Anfang, als der Lockdown kam, habe ich gedacht: Ach, jetzt kann ich etwas durchatmen, wenn jetzt alle Termine wegfallen. Aber dann habe ich schnell gemerkt, dass es relativ arbeitsintensiv wurde, weil diese Krise irgendwie gemanagt werden musste. Natürlich sind die Abendtermine, die regelmäßigen Gruppen und Kreise weggefallen, aber an die Stelle sind Krisensitzungen und Koordinationstermine gekommen. Da ging es dann darum, wie man weiter für die Gemeinde, für die Menschen da sein kann trotz der Distanzerwartungen, die auf einmal da waren, und die ja auch sinnvoll sind, um Menschen zu schützen. Die Fragen waren: Wie können wir weiter Menschen begleiten und betreuen? Wie können wir weiter bei ihnen sein und ihnen Raum geben für Gemeinschaft, obwohl man sich nicht treffen darf. Dazu kam die Arbeit zum Beispiel an Hygieneschutz-Konzepten. Die Krise musste gestaltet und verwaltet werden, und man musste kreativ werden. Das war die zweite Herausforderung.
Sind auch konkret Gemeindemitglieder auf Sie zugekommen und haben gesagt: Herr Pfarrer, mir geht’s nicht gut… Ja, die Rückmeldung gab es, und zwar von alt bis jung. Bei den Jugendlichen haben wir es gesehen: Sie konnten nicht mehr in die Schule und sind, wenn zum Beispiel Personen aus der Risikogruppe in der Familie waren, zum Teil gar nicht mehr rausgegangen. Das war schwierig. Wir haben auch von Familien im Home-Schooling Rückmeldung bekommen. Das war keine leichte Zeit. Aber eben auch besonders von Älteren, die einfach traurig waren und einsam. Für viele ist unsere Gemeinde ein Ort, an den sie am Dienstagmorgen zum Bibelfrühstück kommen, am Mittwochnachmittag zum Seniorennachmittag, am Mittwochabend in den Bibelabend und am Sonntag in den Gottesdienst. Ein Ort für Beziehungen, die weggefallen sind. Das hat Menschen wirklich getroffen. Einsamkeit und Traurigkeit, die Einschränkung, die Enkel nicht sehen zu können – davon haben wir viel mitbekommen. Wir wollten weiter für die Menschen da sein, haben einen Telefondienst von Ehrenamtlichen organisiert. Es gab die Idee für einen Einkaufsservice. Für die Jugend hat unsere Jugendreferentin eine Zeit lang jeden Abend ein Zoom-Treffen angeboten. Da wurde dann eineinhalb Stunden über Zoom geredet, für einige war das auf diesem digitalen Weg der einzige Kontakt nach außen.
Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Alten- und Pflegeheime: Hier wurden die Bewohner regelrecht abgeschottet, damit sie nicht mit dem Virus in Kontakt kommen. Es sollte zu ihrem Besten sein, doch Folge waren natürlich auch Vereinsamung bis hin zu Depressionen. Medizinisch ist das nachvollziehbar, aber so wird man womöglich seelisch krank. Hätten Sie sich da eine andere Lösung gewünscht?
Ich kann es absolut nachvollziehen, dass man die Menschen schützt. Das ist wichtig. Es ist richtig, nicht die breite Masse zuzulassen. Wir haben in anderen europäischen Ländern gesehen, wohin es führen kann, wenn man es anders macht, zum Beispiel in Schweden. Aber ich finde, man hätte die Heime für Seelsorge-Personal zugänglicher machen müssen. Ich habe eine Situation erlebt, da lag eine Person im Krankenhaus. Es ging ihr richtig schlecht, und sie wollte mich unbedingt sehen. Aber ich bin nicht reingekommen, weil die Besuchsregelung nur der Tochter galt. Ich hätte eine Sondergenehmigung bei Arzt oder Krankenschwester benötigt, doch der Person ging es so schlecht, dass sie selbst das gar nicht mehr mit Arzt oder Krankenschwester absprechen konnte. Da hätte ich mir sowohl für die Heime als auch für die Krankenhäuser eine Regelung gewünscht, die es uns als Seelsorger mit dem entsprechenden Schutz ermöglicht, Menschen zu begleiten. Diese Menschen haben darunter gelitten. Gerade wenn man so alt ist, sind die körperlichen Einschränkungen eine Sache, aber seelische und psychische Einschränkungen haben irgendwann auch körperliche Auswirkungen. Wir sind dann kreativ geworden. Der Kollege, der sich um die Altenheime kümmert, hat begonnen, Briefe mit Andachten zu schreiben und zu verteilen. Es hat einen Altenheim-Außengottesdienst gegeben – die Leute standen am Fenster. Aber das alles ersetzt nicht die persönliche Begegnung. Deshalb sage ich bei aller Wichtigkeit von Schutz: Die Seele ist auch etwas, was leiden kann. Deshalb wäre es gut gewesen, wenn wir mehr Zugang gehabt hätten.
Sie sind dann auch andere Wege gegangen

Wir haben uns in der ersten oder zweiten LockdownWoche zusammengesetzt, auch mit Vertretern aus anderen Gemeinden. Gemeinsam mit Livesound haben wir den Youtube-Kanal „Kirche im Kreis“ gegründet. Da werden Gottesdienste und Predigten aus vielen Lüdenscheider Gemeinden online gestellt. Und wir haben einen zweiten Kanal für unsere Kirchengemeinde ins Leben gerufen: „Gute Worte aus der Christuskirchen-Gemeinde“. Da findet man unsere Gottesdienste, auch die Kinder-Gottesdienste, Kinderstunden und Osteraktionen. Es hat mich überrascht, wie viele Clicks wir da haben, welche Reichweite es entwickelt.
Also wird man daran festhalten… Ich glaube, dass es ein richtiger und wichtiger Weg ist, weil es auch aktuell Menschen erreicht, die noch Angst haben und nicht in den Gottesdienst kommen. Wir sind ja die erste Kirchengemeinde in Lüdenscheid gewesen, die wieder Gottesdienste gefeiert hat. Aber wir merken: Viele Menschen haben noch Angst und Bedenken – die nehmen das Angebot im Netz sehr in Anspruch. Wir leben in einer digitalen Welt. Es ist gut, wenn wir da als Kirche präsent sind. Wir haben uns vom Presbyterium entschieden, dass wir weitermachen wollen, um auch Menschen in diesem Bereich zu erreichen. Deshalb haben wir Geld in die Hand genommen, um das nötige Equipment anzuschaffen, um online zu sein und Gottesdienste live streamen zu können. Diesen Weg wollen wir weitergehen. Sie sind in der Kirchengemeinde nach den vier Monaten auf dem Weg zurück zu normaleren Zuständen. Was überwiegt bei ihren Gemeindemitgliedern: Die Zurückhaltung und Angst oder doch das Verlangen nach dem Leben in der Glaubensgemeinschaft? Sowohl als auch. Gruppen und Kreise finden – auch durch die Ferienzeit – noch ben und was nicht. Was verzichtbar ist und was nicht. Das ist viel wert. Und Menschen sind ins Nachdenken gekommen, wie schlimm es ist, wenn man sich von jemandem verabschieden muss. Das haben viele erleben müssen, Krankheit und vielleicht Tod im Umfeld. Den Schmerz, die Betroffenheit, die Angst, wenn da einer mit Corona infiziert war. Das waren für viele ganz einschneidende Erlebnisse, auch, wenn da auf einmal in der Familie ein Platz freibleibt wegen Corona. Ja, die Zeit hat etwas mit den Menschen gemacht.
Wie ist es bei Ihnen persönlich? Ziehen Sie aus der Zeit der Pandemie, aus Lockdown und all den Veränderungen im täglichen Leben Lehren für Ihr Leben? Sind Ihnen Dinge wichtiger geworden als früher? Mir ist deutlich geworden, wie fragil unser ganzes Lebenssystem ist. Ein kleines, unsichtbares Virus, und die ganz Welt steht auf einmal auf dem Kopf. Wir denken, wir haben es in der Hand und sind der Captain auf unserem Schiff. Es ist aber sehr deutlich geworden, dass wir abhängig sind von Gott und seiner Gnade, seiner Güte. Persönlich habe ich viel mehr Zeit gehabt für meine Familie, weil die Abendtermine mit Ausnahme der ZoomKonferenzen ausgefallen sind, die Kinder auch nicht in der Schule waren. Das war eine gute Erfahrung. Distanz halten zu müssen zu Freunden und auch zu meinen Eltern, die alt sind – das war eine schmerzhafte Erfahrung. Mir ist der Wert von Gemeinschaft, von Freundschaften und Begegnung, was ich sonst als selbstverständlich angenommen habe, sehr deutlich geworden. Und ich bin ins Nachdenken gekommen, wie wir als Kirche noch mehr für die Menschen da sein können. Auch für die, die bisher noch nicht in unseren Gottesdiensten, Gruppen und Kreisen sind. Ich freue mich, dass wir über digitale Medien einen Weg gefunden haben, Menschen zu erreichen, die wir vorher nicht erreicht haben. Da hat sich eine Perspektive aufgetan, die gut ist und uns zu Menschen bringt, die sonst nicht zu uns herkommen und in unseren herkömmlichen, analogen Veranstaltungen ihren Platz finden.
Hatten Sie auch mehr Zeit für bestimmte Dinge? Ja, Zeit zum Beten und zum Lesen. Das ist mir sehr wichtig gewesen. Und mir ist in dieser Zeit auch sehr bewusst geworden, wie wichtig es mir ist, mit den Leuten Auge in Auge Gottesdienste zu feiern. Wie sehr ich mich darauf freue, mit Leuten singen und einen richtig vollen Gottesdienst feiern zu können – mit Abendmahl, Gesang und allem Drum und Dran. Und zuletzt vielleicht noch dies: Ich habe gelernt, wie toll es sein kann, wenn Menschen kreativ werden. Wir hatten den Wandergottesdienst an Himmelfahrt, den Open-Air-Gottesdienst an Pfingsten. Da haben wir Wege gefunden, in Zeiten mit diesen Beschränkungen trotzdem feiern zu können. Kreativität macht immer richtig Spaß und befeuert. Es war gut, dass man gezwungen war, kreativ zu werden, und auch den Freiraum dafür hatte.
Pfarrer Schultz, vielen Dank für das Gespräch!

Bild oben :
Sebastian Schultz vor dem Altar der Christuskirche: „Mir ist sehr bewusst geworden, wie wichtig es mir ist, mit den Leuten Auge in Auge Gottesdienste zu feiern. Wie sehr ich mich darauf freue, mit Leuten singen und einen richtig vollen Gottesdienst feiern zu können – mit Abendmahl, Gesang und allem Drum und Dran.“ FOTO: MACHATZKE

Bild unten :
Sebastian Schultz auf dem Youtube-Kanal mit der Predigt zum Gründonnerstag