Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an

Zu Christi Himmelfahrt

Von Bärbel Wilde
Eines Tages ging über der englischen Provinz heftiger Regen nieder.
Bei einer alten Bäuerin klopfte es an der Tür. Eine einfach gekleidete
Frau stand auf der Schwelle und bat um einen Schirm für den Heimweg.
„Nun, den alten Schirm können Sie kriegen. Meinen neuen verleihe ich
nicht. Wer weiß denn, ob ich ihn jemals wieder zurückbekomme.“
Die Bäuerin holte einen kaputten ausgedienten Regenschirm. Mit ihm
zog die Frau davon. Am nächsten Tag erschien ein Mann in königlicher Uniform bei der
Bäuerin. Er brachte den Schirm zurück. Königin Viktoria von England lasse danken und
ausrichten, dass er Ihrer Majestät gute Dienste geleistethabe. Die Bäuerin erstarrte. Wie
peinlich. Es war die Königin, die an ihre Tür geklopft hatte. Und sie hatte sie nicht einmal
hineingebeten. Und dann noch der kaputte Schirm – für die Königin. Sie wäre am liebsten
vor Scham im Erdboden versunken.
Donnerstag haben wir Christi Himmelfahrt gefeiert und in den Gottesdiensten gesungen:
„Jesus Christus herrscht als König“. In der Bibel ist davon die Rede, dass er vor der Tür
unseres Lebens steht: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Er ist der König aller
Könige. Wie er anklopft. Sicher ganz unterschiedlich. Vielleicht durch einen Menschen, der
uns um Hilfe bittet. Wie peinlich, wenn wir ihn mit ein paar Cent abspeisen. Oder er klopft
dadurch an, dass uns der Gedanke durch den Kopf geht, dass wir eigentlich doch an Gott
glauben möchten. Schlimm, wenn wir uns diesem Gedanken verschließen und Gott weiter
draußen vor der Tür unseres Lebens stehen lassen. Oder Gott klopft dadurch bei uns an,
dass er etwas von uns will. Unsere Zeit, unseren Einsatz, unsere Mitarbeit. Haben wir für
ihn nur schäbige Reste übrig?
An die Tür unseres Lebens klopft wahrscheinlich niemals die Königin von England, aber
ganz sicher der viel höhere Gast: der Herr des Himmels und der Erde. Da haben wir Grund
uns zu schämen, wenn wir ihn wie einen Bettler im Regen haben stehenlassen und für ihn
nur übrig hatten, was für uns ausgedient hatte.
Das Beste ist für den Sohn Gottes nicht zu schade. Weil er das Beste für uns will.
Bärbel Wilde ist Pfarrerin i.R. der evangelischen Christuskirchengemeinde